Archiv für die Kategorie ‘2011’

hubschrauber für das gericht

Samstag, 21. Mai 2011

Berlin-Prag

Das vorläufige Basalgericht von Köln wird in Zukunft mit dem Hubschrauber zu den Aussenterminen fliegen.

Arbeitsüberlastung, chronischer Zeit- und Schlafmangel beeinträchtigen auch in der Justiz zunehmend Personal und Angeklagte. Um Alkohol- und Medikamentenmissbrauch zu vermindern, sowie Prozessabläufe zu beschleunigen werden im Rheinland demnächst die gerichtlichen Staustrecken mit Direktflügen überwunden.

Bei einem Verhör auf dem internationalen Vogelflughafen der Bundesrepublik Deutschland in Bonn äusserte sich Dr. Bernhard Lanik erfreut über die Mobilitätsinitiative, die von Oberverwaltungsinspektor Vanda Leberecht ins Spiel gebracht wurde. Zum Einsatz kommt der allwettertaugliche Puma SA 330 von Aérospatiale mit Wechselbesatzung, wie Delana Felcher notierte (links).

Bald mit Puma unterwegs

Bald mit Puma unterwegs

pionierprojekt

Dienstag, 19. April 2011

ornithoport bonn

Wenn die Bundesrepublik Deutschland als Bauträger in Erscheinung tritt, geht es entweder sehr schnell oder es dauert lang und wird endlich gut.

Der Vogelflughafen auf dem Dach der Bundeskunsthalle in Bonn wird sofort gut, denn die jüngsten politischen Entscheidungen machen aus der Initiative ein Pionierprojekt. Beim gegenwärtigen politischen Richtungswechsel geht es um mehr als den Atomausstieg, zur Debatte steht das globale Mobilitätskonzept, die Ziele der europäischen Gemeinschaft und die Ressourcenfrage.

Dabei reichen die Hintergründe für das Projekt bis in die Ära Kohl zurück, als mit der Bundeskunsthalle ein Ort der Repräsentation geschaffen wurde, dem eine Bedeutung beigemessen worden war, die sie nie erreichen konnte. Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass sich das Ziel nun erfüllt, anders zwar als vom Bauherr gedacht, aber umso wirkungsvoller.

Die Funktion des Daches als Ausstellungsfläche ist problematisch, weil die Präsentation von Skulpturen teuer ist und immer Sicherheitsrisiken birgt. Dem Nutzungsprojekt für einen Vogelflughafen ging deshalb eine lange Diskussion über  Wahrscheinlichkeitsfragen und die Grenzen der künstlerischen Freiheit voraus.

Die Abklärung statischer Fragen und dynamischer Kräfteverhältnisse führte zu einer kunstgeschichtlichen Auseinandersetzung um das Jahr 1909, dem Berliner Secessionkonflikt zwischen den etablierten Impressionisten, wie dem damals 62-jährigen Max Liebermann und den nachfolgenden Expressionisten um Emil Nolde.

1909 war auch das Jahr der Flugpioniere – in Berlin wurde der Erstflug von Orville Wright gefeiert, kurze Zeit später der von Wilhelm Heinrich Focke mit seiner selbst entworfenen Ente. Focke war auch Künstler und Fussballstar, damals gerade halb so alt wie Liebermann, über dessen Pferdebilder dieser gesagt haben soll „nee mein lieber Focke, det kann ick nicht“.

Fliegen mochte Liebermann selber nie, aber er malte öfter aus der Vogelperspektive: „Wenn Gott gewollt hätte, dass ich fliegen könnte, hätte er mich nicht Maler, sondern Drache werden lassen.“

Gerade mal 18 war Max Ernst 1909, der spätere Mitbegründer der Dada Bewegung. Kunst aus der Vogelperspektive bedeutete für ihn, visionäre Fähigkeiten zu steigern, den Zufall zu objektivieren, den „Funken der Poesie springen lassen“ , wie er im Filmporträt von Peter Schamoni sagt.

Damit ist er wie Focke einem modernen Wirklichkeitsbegriff verbunden, der sie beide von den Impressionisten und Expressionisten unterscheidet. Beide sehen im Vogelmotiv weit mehr als Bildsujets und eignen sich daher als Namensstifter für den ersten Vogelflughafen der BRD – auch wenn die grosse Ausstellung zur Eröffnung des ornithoports im Rheinland jetzt Max Liebermann zeigt.

In der nächsten Ausbaustufe wird die offene Namensfrage geklärt und der Vogelflughafen nicht nur mit dem IATA 3-letter-code identifiziert, sondern einem der beiden Pioniere gewidmet werden.

ornithoport-bonn

berlin-istanbul

Freitag, 25. Februar 2011

p1100298spree-bosporus-skylift

Die deutsche Regionalverbindung in die Türkei über eine zentrale Bundesweiche in Berlin ist ein politisches Signal für  Offenheit und Entwicklungsbereitschaft. Die Debatte über die Chancen von Migranten gewinnt damit an Substanz und Perspektiven. Das klare Bekenntnis zu einem ökonomischen und kulturellen Brückenschlag schafft eine neue Vertrauensgrundlage und stabilisiert die Beziehungen zwischen den aufgeschlossenen Gesellschaften in Europa, dem nahen Osten und Arabien.

encounters with the original

Die gegenseitige Annäherung ist nicht nur eine Folge prosperierender Wirtschaftsbeziehungen, sondern auch eines verstärkten wissenschaftlichen und künstlerischen Dialogs. Das Interesse an fremden Mentalitäten und Differenzwahrnehmungen äussert sich in einer spürbar entspannteren Diskussion von Wert- und Machtstrukturen, wie beispielsweise in den aktuellen nordafrikanischen Befreiungsbewegungen.

Die unterschiedliche Wahrnehmung gemeinsamer historischer Zusammenhänge in Deutschland und der Türkei ist durch Sprach- und Religionsunterschiede allein nicht erklärbar. Die Verständnistiefe für andere Anschauungen  hängt von der Höhe der gegenseitigen Aufmerksamkeit und Achtung ab. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass das Interesse am eigenen Besitzstand grösser ist, als an einer gemeinsamen Erweiterung des Horizonts. Das Festhalten am Erbrecht zieht Neid, Misstrauen und Abschottung nach sich. Isolation begünstigt Missbrauch, Inzucht und Verblödung. Selektive Erinnerungen können Vorurteile über Generationen prägen und zu Missverständnissen, Unversöhnlichkeit und Gewalt führen.

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the art of lying

Dagegen fördert Neugierde und Interesse an Geschichten, Erfahrungen und Idealen anderer Menschen Zuversicht und Entwicklungsspielraum. Der Schneider von Ulm ist in der Türkei viel weniger bekannt als der erste erfolgreiche Gleitflieger Hezarfen Ahmet Çelebi, von dem jedes Kind weiss, dass er den Bosporus bereits 1638 vom Galataturm aus überquerte. Auch sein Bruder Lagari Hasa, der die erste Trägerrakete gebaut, mit ihr geflogen und dank einer weiteren Erfindung, dem Vorläufer des Fallschirms, wieder heil gelandet ist, wird in der europäischen Fachliteratur nur selten erwähnt. Beide Osmanen realisierten ihre Experimente in einer Zeit, als sich Europa dreissig Jahre bekriegte und kein Gedanke an Flugvorstellungen existierte, ausser vielleicht bei Galileo Galilei, der sich für den freien Fall interessierte.

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seeing is believing

Die Vorstellungskraft für das Fliegen war auf die Vogelwelt und das Jenseits beschränkt. Ein orientalischer Flugbegriff, wie ihn beispielsweise Pier Paolo Pasolini in einer Episode seiner Mythentrilogie anhand eines fliegenden Pferdes darstellte, konnte im Abendland kaum praktische Folgerungen erzeugen. Hingegen wurden flugtaugliche Hexen beispielsweise in der Schweiz noch bis Ende des 18. Jahrhunderts verbrannt. Und noch 1880 wurde der begnadete Alphonse Pénaud belächelt und seine Problemlösung des aviatischen Vortriebs durch die Erfindung des Gummimotors verkannt. Erst die mediale Verbreitung der Flugexperimente Otto Lilienthals durch wissenschaftliche Fotodokumente machten den Fluggedanken in einer breiteren Öffentlichkeit nachvollziehbar und dadurch erst realisierbar. Lilientahls Erfolge sind ohne den Bildpionier Ottomar Anschütz nicht vorstellbar. Fliegen ohne Vorstellungshilfe ist undenkbar. Fliegen ist nichts anderes als eine wiederholbare Realisation von Fluggedanken. Fliegen ist eine intellektuelle Überwindung der Schwerkraft. Flugrelativität bedeutet, dass nichts denkbar ist, was nicht fliegen kann.

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Der Traum vom Fliegen
Ausstellung | Fluglabor | Flugtage | Führungen | Vorträge
04. März – 08. Mai 2011

Haus der Kulturen der Welt
John-Foster-Dulles-Allee 10
10557 Berlin

Zur Ausstellung erscheint das Begleitbuch „Von Pionieren, Piloten und Schamanen. Kulturgeschichte und Technologien des Fliegens“, edition AZUR